Reittherapie Schritt für Schritt


Rhythmus ist Leben
 

Die Reittherapie

Vor Beginn einer Therapie wird zuerst ein Aufnahmegespräch mit den Eltern geführt. So ein Gespräch ist sehr wichtig, um mir als Therapeut möglichst viele Informationen über das Kind und sein Krankheitsbild geben zu lassen. Auch die Wünsche, Ziele, Ängste der Eltern werden besprochen. All dies fließt in die Erstellung eines Therapieplanes mit ein. Jeder Plan wird individuell für das Kind erstellt. Fehlende Informationen können fatale Folgen für das Kind haben, daher bekommt jede Familie zuvor eine Unbedenklichkeitsbescheinigung, die der Arzt unterschreiben soll. So kann ich sicher sein, dass nichts vergessen oder verschwiegen wurde.

Ja, was genau ist die Reittherapie denn, werden sich sicher ein paar fragen. Das möchte ich kurz versuchen zu erklären:

In der Reittherapie werden therapeutische und pädagogische Aufgaben mit ausgebildetem Fachpersonal und einem geeigneten Pferd erfüllt, die sowohl die körperliche, wie auch die psychische Befindlichkeit des Klienten betreffen. Zum besseren Verständnis möchte ich kurz einige Beispiele nennen:

Fördert:

Motorik, Koordination, Kondition, Gleichgewichtssinn, Körperhaltung

Unterstützt:

Selbstvertrauen, innere Gelassenheit, positives Sozialverhalten

Verbessert:

Konzentration, Wahrnehmung, Selbstbewusstsein

Unter anderem bei:

Entwicklungsverzögerungen, Störungen in der Motorik, vermindertem Körpergefühl

Unter anderem bei:

Störungen im emotionalen und sozialen Bereich, Verarbeitung von schweren Krisen und kritischen Lebenssituationen

Unter anderem bei:

Sprach- und Lernstörungen, AD(H)S, Autismus, geistige Behinderungen, psychischen Störungen

Schon der Umgang mit dem Pferd (es von der Weide holen, putzen und füttern) erfordert eine Fülle von Bewegungen, die, gezielt eingesetzt, Störungen im motorischen Bereich verbessern oder vermeiden helfen. Im psychischen Bereich können hier soziale und emotionale Erfahrungen gemacht werden (Kontakt zu einem fremden Lebewesen aufnehmen, sich um es kümmern). Das Sitzen auf dem geführten Pferd bewegt den Menschen ohne sein Zutun. So können auch Schwerstbehinderte Körpererfahrungen machen, die ihnen sonst nie möglich wären.

Außerdem muss er in der Lage sein, einem anderen Lebewesen den eigenen Willen mitzuteilen. Dies ist eine Anforderung auf psychischer und physischer Ebene. Das Erfolgserlebnis kommt prompt, wenn das Pferd auf ein richtiges Signal reagiert. Pferde bieten sich gerade für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen als Freizeitpartner an, denn sie können die Kleinen groß und die Langsamen schnell machen, oder Blinden für eine Weile "ihre Augen leihen“.
Reittherapie kann zur Unterstützung früherer und weiterführender Therapien eingesetzt werden. Für den Klienten ist das Pferd dabei die Motivation, bereits Erreichtes zu aktivieren und neue Fähigkeiten zu erlernen. Traditionelle Therapien, wie beispielsweise die Physiotherapie und die Sprachtherapie, erreichen nach einiger Zeit eine Grenze, die durch die Reittherapie durchbrochen werden kann. Etwas provokant könnte man sagen:

Die Reittherapie macht da weiter, wo andere Methoden aufhören.

Trotzdem sollte man festhalten, dass die Reittherapie keine Wunder vollbringen kann. Sie heilt keine Behinderungen oder lässt Gelähmte wieder gehen. Aber wir können Kindern und Erwachsenen mit den unterschiedlichsten Erkrankungen helfen. Symptome werden gemildert und neue Fähigkeiten geweckt. In den meisten Fällen erreicht man damit eine deutliche Verbesserung des Gesamtzustandes und der Lebensqualität. Und nicht selten findet ein Klient über die Reittherapie zu einer lebensbejahenden Einstellung.
Das Wort „Therapie“ umfasst Behandlungsmethoden, die körperlichen oder geistigen Problemen und Schädigungen entgegenwirken sollen. . Reittherapie ist eine ambulante Therapie mit ganzheitlicher Wirkung und wird individuell auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt. Der Kontakt zum Pferd und zur freien Natur steht im Vordergrund.
Durch die Auseinandersetzung mit dem Pferd sollen positive Verhaltensänderungen bewirkt und Bewegungsauffälligkeiten beseitigt bzw. reduziert werden. Der ganzheitliche Förderansatz, der im Bereich des ThR gewährleistet ist, ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, vielfältige sinnliche Erfahrungen zu machen.
Das Pferd mit seinem hohen Motivations- und Aufforderungscharakter bietet Entwicklungsangebote im emotionalen, sozialen, physischen und kognitiven Bereich.
Pferde gehen auf jeden Menschen unvoreingenommen zu und akzeptieren ihn so wie er ist, dem Mensch ist das nicht immer möglich. Pferde fungieren als Vermittler von Zuversicht und bieten somit vielfältige Interaktions- und Beschäftigungsmöglichkeiten.
Der direkte Körperkontakt zum Pferd wirkt auf die meisten Menschen beruhigend und entspannend. Die dreidimensionalen Schwingungen, die beim Sitzen auf dem Pferderücken auf den menschlichen Körper übertragen werden, beanspruchen auf sanfte Art und Weise Muskelpartien, die bei vielen Kindern schon im Vorschulalter zu verkümmern drohen.
Der Umgang mit Pferden, die Pferdepflege und das Reiten können zu einer gesunden Entwicklung unserer Kinder beitragen, denn die Erfahrungen, die Kinder und Jugendliche im Umgang mit Pferden machen, tragen in idealer Weise dazu bei, positive Entwicklungs- und Lernprozesse auf ganzheitlicher Ebene in Gang zu setzen, die sich positiv auf verschiedene andere Bereiche (Schule, Familie, usw.) auswirken können.

Sie fragen sich jetzt bestimmt, wie genau das nun funktioniert? Die Frage beantworte ich gern.

Aus der Geschichte der Reittherapie und deren Funktionsweise wird deutlich, wie einfach und genial diese Therapie wirkt. Wir haben Patienten mit psychischen und/oder körperlichen Problemen, die in den meisten Fällen auf irgendeine Form von Blockaden zurückzuführen sind. Das Pferd und das Gefühl, von ihm getragen zu werden, nimmt die gesamte Aufmerksamkeit des Patienten ein - die Blockaden lösen sich, Selbstheilungskräfte werden aktiviert.
Das ist zugegeben eine stark vereinfachte Darstellung, doch im Grunde genommen ist die Reittherapie genau deshalb für so viele Anwendungsbereiche und verschiedene Zielsetzungen geeignet, weil sie so einfach funktioniert.
Doch nicht jedes Pferd ist für die Therapie geeignet. Auch sollte man eine fundierte Ausbildung gemacht haben, bevor man eine Therapie anbietet. Ein kleiner Fehltritt oder Fehlverhalten des Pferdes können fatale Folgen haben. Trotz allem darf man nicht vergessen, dass ein Pferd ein Lebewesen mit eigenem Charakter und Verhaltensweisen ist. Es muss ein tiefes Vertrauen zwischen Pferd und Therapeut bestehen.

Beispiele von Krankheitsbilder:

z.B. bei AD(H)S:

Förderung

- der Konzentration
- der Frustrationstoleranz

- des Sozialverhaltens
- der eigenen Motivation

z.B. bei Entwicklungsstörung
Förderung

- der Sprache und des Sprechens
- der Lese- Rechtschreibschwäche
- der Grob- und Feinmotorik
- der Selbstakzeptanz
- der Körperwahrnehmung

- der Körperspannung
- Rechenschwäche
- des Sozialverhaltens
- Verminderung der Angst vor Versagen
- der Wahrnehmung


z.B. bei cerebrale Bewegungsstörung
– bleibende sensomotorische Störung infolge einer frühkindlichen Hirnschädigung (kein Ersatz für Physiotherapie – gute Zusammenarbeit möglich)
Förderung

- Bei Spastik können die Bewegungen auf dem Pferd 
   Verkrampfungen zeitweise wieder lösen
- der Wiedererlangung der Muskelkontrolle

- wenig zusätzliche Aufgaben, da das Kind schon genug mit den
   Bewegungen zu tun hat

Fallbeispiel:
33-jährige Frau ist nach einem Hirngefäßinfarkt linksseitig gelähmt. Gangbild ist eine leichte Unregelmäßigkeit zu beobachten, ihren linken Arm kann sie nicht bewegen.

Ziel der Therapie: U.a. Verbesserung der Rumpfmuskulatur und des Gleichgewichts.
Frau K. fing an, Tätigkeiten wie Putzen, Pferd führen, füttern auch die linke Hand mit einzubeziehen.
Es kam zu keiner Spastik mehr im linken Arm.


z.B. bei Traumatischen Erlebnissen
Förderung

- der Motorik
- des Sprechens und der Sprache

- der kognitiven Fähigkeiten
- des Sozialverhaltens

Erfolgserlebnisse sind bei jedem Klienten wichtig, egal welche Krankheit oder welche Defizite er hat.
Eine wichtige Voraussetzung ist das Vertrauensverhältnis zwischen Klient und Therapeut.

Nun sind wir aber noch nicht dazu gekommen, ab wann ein Kind die Therapie besuchen kann. Ganz einfach, es gibt kein zu jung oder zu alt.
Selbst Säuglinge erhalten zum Teil eine Therapie, z.B. bei Frühgeburten, die lange im Brutkasten liegen mussten oder bei denen die Mama viel liegen musste und die schaukelnde Bewegung fehlt. Dies kann zu Entwicklungsverzögerungen führen. Dieses schaukeln kann auf dem Pferderücken nachgeholt werden.
Es gibt lediglich den gesundheitlichen Aspekt, der zu beachten ist. So können Kinder, die eine Tierhaarallergie haben, leider keine Reittherapie in Anspruch nehmen. Auch bei Epileptikern muss vorher ein Arzt zugestimmt haben, da die Bewegungen des Pferdes, wechselnde Lichteinflüsse in der Reithalle, große Vorfreude, einen Anfall auslösen können.